Die Göttin der Realität

Veröffentlicht am 02. März 2022

Ich bin die Göttin der Realität. Die Menschen nennen mich Medea (die Nachdenkliche), aber eigentlich bin ich namenslos. Nie hat mir ein Gott oder eine Göttin einen Namen gegeben. Da ich immer logisch und klar denke, werde ich ab und zu auch als Göttin der Weisheit benannt, doch das ist kompletter Schwachsinn. In mir leuchtet kein Funke Fantasie. Doch dies ist keine natürliche Gegebenheit. Jeden Neumond um Punkt zwölf Uhr, wenn es stockfinster ist, schließe ich mich in meinen Gemächern ein und veranstalte eine ruhige Séance in der ich die Seelen der Verstorbenen bitte mir meine Fantasie zu entziehen. So muss ich mich weder mit Alpträumen noch mit unrealistischen Gedanken abmühen. Leider benötigt sogar eine unsterbliche Göttin wie ich, ab und zu etwas Fantasie. Zum Beispiel um etwas zu erschaffen oder um sich in ein Tier zu verwandeln. Ich war bereit auf dies zu verzichten, um vollkommen realistisch ohne Fantasie leben zu können. Doch dann ermöglichte mir die Seele eines mächtigen Herrschers die Fantasie abzufüllen und immer, wenn nötig, zu benutzen. Hierzu nahm ich eine kostbares Kristallflasche und konzentrierte mich nur auf den eigenen Herzschlag. In diesem Vorgang schaffte es die Seele die wilde eigenlebende Fantasie zu bändigen. Nach langem Training schaffte ich es dies auch bei den Menschen anzuwenden. Heute bin ich sogar in der Lage ohne Séance unrealistische Gedanken zu zähmen und in Kristallflaschen zu sperren. Damit ich auch jeden Gedanken sofort entdecken kann, verwandle ich mich immer in einen Stieglitz und beobachte die Menschen. Die Fantasie bewahre ich in einem Raum auf dem Olymp auf. Eigentlich ist es dort so wie in einer Bibliothek, aber ich fühle mich dort immer schrecklich. Denn wenn die Fläschchen bersten, besitzen die Menschen viel zu viel Fantasie. Mit dieser Macht, die sie durch die Fantasie erlangen würden, könnten sie Zeus leicht stürzen, da dann alles was ihnen durch den Kopf geht wahr wird. Wir Götter wären verloren! Das ist eine riesige Verantwortung, die auf mir lastet. Manchmal bekomme ich richtig Angst. Doch bis jetzt hat mein System nur einen Haken: Die 2C Klasse der BG/BRG Klusemann-Straße. Diese Kinder lernen von ihren Lehrern, dass Fantasie gut ist und man sie fördern soll. Dieser Raum ist vollgestopft mit unrealen Geschichten und Fantasie. Da werde ich viel Arbeit haben einer ganzen Klasse die Fantasie zu entziehen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Rebekka Hager, 2.c