Listen and silent are spelled with the same letters

Veröffentlicht am 04. Juli 2021

„Listen and silent are spelled with the same letters. Think about it.”

Es ist mir nicht bekannt, von wem dieses Zitat stammt. An manchen Stellen wird Alfred Brendel, ein Interpret klassisch-romantischer Musik, genannt. Ein Musiker könnte durchaus ein Experte für die Stille sein.

Betrachte ich ein Poster meines Vaters, der sich intensiv mit der Traditionellen Chinesischen Medizin auseinandersetzt, so entdecke ich dort die Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde. Jedem der Elemente sind Eigenschaften zugeordnet, und zwar jedem der vier positive, und bei zu starker Ausprägung des Elements negative Charakterzüge. Betrachtet man dieses Plakat, so gibt es kein Besser und Schlechter unter den Elementen.

Stille wird dem Element Wasser zugeordnet, um es noch präziser zu benennen, dem Teilbereich „Kalt im Wasser“. (Es gibt auch „Feucht im Wasser“). „Kalt im Wasser“ bringt Eigenschaften wie still, sanft, ruhig, gelassen, friedfertig, abwartend und taktvoll mit sich, bei zu starker Ausprägung zaghaft, zögernd, unentschlossen. Menschen von diesem Typ bekommen zeitweise ein „Setz dich mehr durch! Konkurriere! Kämpfe! Behaupte dich!“ vermittelt, kombiniert mit Zweifeln daran, dass es solch ein/e Stille/r weit bringen könne.

Laut Susan Cain, Autorin des Buches „Still“, herrscht in unserer Welt eine „extravertierte Ethik“, die „stille Wasser“ zwingt, sich anzupassen oder unterzugehen. Es ist schade, dass Stille sich nicht mehr ihrer Qualitäten bewusst sind. Vielleicht würde die Welt dann ausgeglichener betrachtet werden – wie das Yin und das Yang: Eines geht nicht ohne das andere und es wäre für die Welt nicht wohltuend, kein schönes Rund, würde eine Hälfte extrem überwiegen.

Eventuell kann man Intro- und Extraversion mit der Situation der Linkshänder in einer vor allem mal auf Rechtshänder ausgerichteten Welt vergleichen. Linkshänder müssen sich oftmals mehr anpassen, weil keine/r der Rechtshänder/in sonderlich viel darüber nachdenkt, dass die LinkshänderInnen keine andere Wahl haben als mit auf die Nutzung durch die rechte Hand ausgerichtete Mitteln zu arbeiten.

In der Tierwelt konnte beobachtet werden, dass von Fruchtfliegen bis hin zu Meisen, Schweinen oder Katzen sämtliche Tierarten intro- und extravertierte VertreterInnen aufweisen. Die Evolution will es offenbar so und sieht in der stilleren Variante ebenfalls Sinn. Extravertierte Meisen halten sich in größeren Gruppen auf, kämpfen mehr um ihr Futter, übersehen dabei aber auch manchmal den herannahenden Fressfeind. Introvertierte Meisen bevorzugen kleinere Gruppen, beobachten mehr und finden Nahrung, die die lebhafteren Meisen nicht sehen.

Introvertierte laden ihre Batterien mit Stille und Ruhe auf. Es fühlt sich für sie gut an, auch einmal für sich sein zu können. Extravertierte brauchen lebhaften Input, manchen kann es an Menschen in der Umgebung gar nicht genug sein. Während der Introvertierte zu überlegen beginnt, ob die Lärmkulisse ihn wie ein einfahrender Zug gleich akustisch überfahren wird, fängt der Extravertierte erst an sich zu spüren. Die Hirntätigkeit der beiden ist anders. Ein/e vollkommen still wirkende/r Introvertierte/r kann bereits eine hohe Aktivität seines Gehirns aufweisen, wenn er/sie bloß dasitzt und beobachtet, während der/die Extravertierte in solch einer von ihm wahrscheinlich als langweilig empfundenen Situation noch nicht mal ein zartes Funken verspürt. In Studien wurde sowohl ein unterschiedliches Ausmaß an Neurotransmitter-Ausschüttung bei Reizen als auch eine sich unterscheidende Länge der Nervenfasern nachgewiesen. Intros haben die längere Leitung.

In unserer schnelllebigen Zeit ist es nicht sonderlich gefragt, wenn aus einem/r die Antworten nicht herausschießen. Wer flotter und kecker antworten kann, sollte doch automatisch klüger sein, oder? Zumindest wird er/sie als geistig mehr auf Zack wahrgenommen.

Es gibt keine Intelligenz-Überlegenheit in Richtung Intro- oder Extraversion, auch das wurde untersucht. Jedoch wurde festgestellt, dass bei Studierenden eine gewisse Ausprägung von Eigenschaften, die der introvertierten Seite zugeschrieben werden, förderlich ist: Gewissenhaftigkeit, Ausdauer, Geduld, hohe Konzentrationsfähigkeit, Disziplin, Beständigkeit, gute Planungsfähigkeit.

Viele von uns sind Mischwesen, mit einem etwas höheren Anteil in entweder die intro- oder die extravertierte Richtung. Stille Menschen, die sich in diesem Text bei den Beschreibungen wiedergefunden haben, wünsche ich, dass sie ihren Wert und ihre positiven Eigenschaften erkennen und zu schätzen lernen.

“Sometimes quiet people really do have a lot to say. They are just being careful about who they open up to.” (Zitat von Susan Gale)

Alex Trnoska, 4a

BBC Ideas Video “The quiet power of introverts”: