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Kurzgeschichte

 


Kurzgeschichte von Bianca Kokol aus der 7B



8,10 €

 

Es stürmt. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat dermaßen zu schütten, doch es muss nur wenige Minuten, nachdem ich den Supermarkt betreten hatte, gewesen sein. Und jetzt stehe ich erneut hier, vor dem Eingang beziehungsweise Ausgang, unter einem winzig kleinen Dachvorsprung und sehe den restlichen Kunden dabei zu, wie sie zu ihren PKWs hetzen und sich mit ihren überfüllten Einkaufswägen beinahe überschlagen. Hinter mir gehen ununterbrochen die Schiebetüren auf und zu. Wir stehen wohl genau vor dem Sensor.
Die kleine Hand meines Bruders greift nach meiner. Wir können nicht ewig hier stehen bleiben, Mama wird sich schon 1000 Szenarien ausgemalt haben, dass uns irgendwas passiert ist. Kein Wunder bei dieser Weltuntergangsstimmung. Ich gehe in die Hocke und wende mich zu Jamie.
 „Hör zu, wir laufen jetzt nach Hause. Lass meine Hand nicht los, und versuche durch die Nase zu atmen, nicht durch den Mund, sonst hast du morgen noch Halsschmerzen. Okay?“
Er nickt und ich ringe mir ein Lächeln ab. Ich stecke die beiden Äpfel in meine Jackentaschen und drücke die Packung Semmeln unter meiner Jacke ganz fest an meine Brust. Ich mache auch Jamies Jacke soweit es geht zu, doch sie ist schon viel zu eng, um sie bis zu seinem Hals hinauf zuzuknöpfen. Die Blicke der Erwachsenen, die gerade ihre Spargelpackungen in ihre Autos werfen ignoriere ich so gut wie möglich. Dann laufen wir los.  
Sobald wir unter dem Dachvorsprung ins Freie treten, sind wir auch schon komplett durchnässt. Ich muss an die Semmeln denken, die in ihrer Plastikverpackung unter meiner Jacke wohl nichts von dem hier mitbekommen. Ich habe mich schon lange nicht mehr so über eine Plastikverpackung gefreut.
„Komm, nicht aufgeben, wir sind gleich zuhause.“ Rufe ich Jamie zu, obwohl er direkt neben mir steht. Es donnert und Jamie sagt etwas, doch ich verstehe ihn nicht. Ehrlich gesagt, ist mir gerade auch egal, was er gesagt hat. Wir müssen so schnell wie möglich nach Hause.
Als wir um die Ecke biegen, erkennt man bereits unsere Mutter am Ende der Straße. Sie läuft uns mit einem Regenschirm entgegen, der bei diesen Wassermengen auch nicht viel ausrichten kann.
„Na endlich, kommt rein, schnell, schnell.“ Schreit sie uns zu.
Der Fußboden im Flur sieht aus als wäre der Wasseraufbereiter explodiert. Alles schwimmt.
Ich hole die Semmeln und die Äpfel aus meiner Jacke und lege sie auf die Ablage.
„Warum seid ihr denn nicht zu dem Supermarkt in der Nebenstraße gegangen? Der wäre doch viel näher gewesen.“ Fragt sie und sieht mich an, während wir uns daran machen Jamie von seiner nassen Kleidung zu befreien und ihn Richtung Badezimmer zu schieben. Er hat ganz blaue Lippen und tausende Wassertropfen hängen in seinen Haaren, die viel zu lang nicht mehr geschnitten wurden.
„Dieser verbilligt abends immer das Gebäck, ich habe für die Semmeln nur die Hälfte bezahlt, Schwarzbrot hatten sie keines mehr.“, antworte ich. Wir wissen beide, dass diese Antwort nicht das war, was sie hören wollte. Als Jamie und ich losgegangen sind, hingen bereits einige etwas dunklere Wolken am Himmel und sie hatte mir aufgetragen, zu dem nähergelegenen Supermarkt zu gehen, auch wenn die Preise dort jenseits von Gut und Böse waren. Ich frage mich immer wieder, wer sich das leisten soll.
„Jamie, das reicht an Duschgel.“ Ermahne ich ihn als er unter der Dusche steht.
Ich schaue zu meiner Mama hinüber. Wem hat sie eigentlich versucht etwas vorzumachen. Sie ist eine gute Mutter, auch wenn wir dort nicht einkaufen können.
Ich denke an den Tag, als mir das zum ersten Mal bewusst wurde, es war im Sommer 3 vor Jahren. Wir wollten in die Stadt fahren, um auf den Spielplatz zu gehen, der renoviert wurde und von dem Jamie total fasziniert war. Er hatte alles: Reifenschaukeln, normale Schaukeln, Sandkasten, Rutschen, Wippen, Kletterwände.  Ich habe Jamie huckepack zur Bushaltestelle getragen, während Mama voraus ging. Es dauerte nicht lange, bis der Bus einfuhr und Mama als erstes einstieg.
„3 Karten bitte. 2 Kinder, eine Erwachsene. “, sagte sie bereits etwas angespannt.
„10, 90€“, antwortete der Busfahrer bissig. Mama schaute gerade in ihre Geldtasche, als er das sagte, doch plötzlich sah sie auf.
„Entschuldigung, das ist der falsche Bus, tut mir Leid, dass es mir erst jetzt auffällt.“
Der Busfahrer stöhnte und öffnete die Tür erneut, um uns aussteigen zu lassen. Niemand von uns sagte etwas, nur Jamie brabbelte leise vor sich hin. Als wir dort standen, habe ich zufällig in Mamas Portemonnaie gesehen. Es war nicht der falsche Bus, es war der falsche Preis.
„Hier, dein Handtuch. Trockne dich aber in der Dusche ab, sonst haben wir hier auch noch so eine Überschwemmung wie im Flur.“, sage ich. „Ich hole dir deinen Schlafanzug.“
Als ich die Badezimmertür hinter mir schließe, höre ich Mama telefonieren.
„Das tut nichts zur Sache, Mama. Es ist ein Schreiben vom Gericht.“, flüstert sie.
Sie sitzt auf der Couch und hält sich die Hand auf die Stirn. Es sieht so aus, als würde ihr Kopf hinunterfallen, würde sie ihn nicht stützen. Irgendwas scheint sie zu erdrücken.
„Deswegen rufe ich an. Ich kann mich auf sie verlassen, aber ich will sie nicht so oft alleine mit Jamie lassen, sie braucht doch auch einmal Zeit für sich.“, sagt sie nun noch leiser. Sie redet über mich. In dem Moment steht sie auf und will Richtung Küche gehen, das Handy immer noch ans Ohr gepresst. Als sie mich im Türrahmen stehen sieht, bleibt sie stehen und starrt mich an.
„Mama, hör zu ich rufe dich morgen wieder an. Ja mache ich. Ja. Tschüß.“, säuselt sie.
„Wie lange stehst du schon da?“, fragt sie, nachdem sie aufgelegt hat.
„Worum ging es Mama?“
„Mara, wie lange brauchst du noch?“, ruft Jamie aus dem Bad.
„Bin sofort da.“, rufe ich zurück, ohne den Blick von meiner Mama abzuwenden. Es fällt ihr sichtlich schwer. Ich weiß, dass sie versucht, nichts an uns Kinder ran zu lassen, doch sie kann das nicht mehr alles allein auf sich laden. Das wissen wir beide.
„Ich habe ein Schreiben vom Gericht bekommen. Papa…Papa hat Privatinsolvenz angemeldet, und, da wir uns nie offiziell haben scheiden lassen, hat das Gericht nun entschieden, dass ich die restliche Summe des Kredites, den wir damals für das Haus aufgenommen haben, allein abbezahlen muss.“
Als sie das sagt, sieht sie überall hin, nur nicht in mein Gesicht.
„Das Gericht muss einen deiner Einkommensnachweise sehen, dann merken sie doch, dass wir uns das nicht leisten können, und warum hat er überhaupt Privatinsolvenz angemeldet, wenn er doch gerade auf Segel…“
„Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, aber dem Jugendamt ist es ja auch schon seit Jahren egal, ob er regelmäßig zahlt. Und ich habe bereits einen Einkommensnachweiß hingeschickt. Würde ich 8, 10€ weniger im Monat verdienen, wäre ich ebenso wenig zahlungsfähig wie er.“, unterbricht sie mich.
Ich kann gerade nicht klar denken. Mein Kopf ist voller Gedanken mit gefühlt 100 verschiedenen Ansätzen, die versuchen eine Erklärung samt Lösung zu finden, doch nichts ist in einer logischen Abfolge. Es ist als würde sich das System aufhängen. Ich gehe nun endlich in das Zimmer von Jamie und mir, um seinen Pyjama zu holen. Doch eine Zahl geht nicht aus meinem Kopf, egal welches Szenario mein Gehirn mir gerade vorspielt. 8,10€.

 

 

 

 

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